Tech-Talk: Internet auf Kreuzfahrtschiffen wird schneller und billiger

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Warum ist Internet auf Kreuzfahrtschiffen oft so langsam, teuer und unzuverlässig? Die Antwort ist relativ einfach: veraltete Technik. Neue Entwicklungen in der Satelliten-Kommunikation erlauben inzwischen deutlich besseres und vor allem auch günstigeres Internet. Einige Reedereien haben bereits mit der nicht ganz billigen Umrüstung begonnen.

Ohne Satelliten-Antennen gibt es auf See ein Internet
Ohne Satelliten-Antennen gibt es auf See ein Internet

Auf der Kreuzfahrtindustrie-Messe Seatrade in Fort Lauderdale Mitte März 2017 habe ich mich mit Ole Kristin Sivertsen unterhalten. Er ist President Cruise, Ferry & Yacht Service bei Global Eagle, einem der großen Anbieter von Satelliten-Daten-Dienstleistern nicht nur in der Kreuzfahrtindustrie. Was demnach heute bereits möglich ist und was künftig auf Kreuzfahrtschiffen zum Einsatz kommen wird, lässt auf schnelles, zuverlässiges und günstiges Internet an Bord hoffen.

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Neue Satelliten, bessere Antennen- und Netzwerk-Technik an Bord machen das Internet technisch schneller. Wirklich spannend ist aber, welche Konzepte und Ideen darüber hinaus zu einem enormen Geschwindigkeitsvorteil und zu günstigeren Kosten führen. Das reicht von einer relativ trivialen Zwischenspeicherung von Daten am Schiff bis hin zu intelligenten Algorithmen, die den Datenverkehr optimal lenken – Details dazu weiter unten.

Internet-Technik an Bord bisher: unflexibel und träge

Die bisherige Technik für den Internet-Zugang auf einem Kreuzfahrtschiff muss man sich – vereinfacht – so vorstellen: Die Reederei kauft bei einem Satelliten-Dienstleister eine feste Bandbreite für die Datenübertragung. Über diese Satellitenverbindung laufen nun alle Daten wie durch ein virtuelles Netzwerk-Kabel. An Bord gibt es ein lokales WLAN-Netzwerk, über das die Passagiere diese Internet-Verbindung nutzen können.

„Alte Technik: alle Daten teilen sich gleichberechtigt eine feste Bandbreite”

Je mehr Passagiere gerade online sind und je mehr Daten übertragen werden, desto langsamer wird es für den Einzelnen, weil sich alle die feste Bandbreite teilen, die zur Verfügung steht. Technisch betrachtet ergeben sich dabei aber zusätzliche Probleme, die der Passagier als extrem langsame Verbindung wahrnimmt.

Ein Beispiel: Wenn man im Browser eine Webseite aufruft, schickt der Browser der Reihe nach sehr viele Anforderungen für einzelne Elemente der Webseite an den Server. Da das Signal zum Satelliten schonmal eine Sekunde und mehr braucht und viele solche Anforderungen hintereinander abgearbeitet werden müssen, kann es selbst bei im Prinzip völlig freier „Leitung“ eine Minute und länger dauern, bis man beispielsweise die Website von Spiegel Online im Browser sieht. Ist die Verbindung ohnehin schon weitgehend ausgelastet, müssen sich diese Anforderungen (Requests) auch noch jedes Mal quasi hinten anstellen, obwohl sie für sich genommen nur minimale Datenmengen übertragen.

Die neuen Tricks der Satelliten-Dienstleister

Mein Gesprächspartner auf der Seatrade: Ole Kristian Sivertsen (Bild: Global Eagle)
Mein Gesprächspartner auf der Seatrade: Ole Kristian Sivertsen (Bild: Global Eagle)

Erfreulicherweise entwickelt sich die Technik weiter und verändert sich gerade in jüngster Zeit rasant. Ole Kristin Sivertsen von Global Eagle hat mir in Fort Lauderdale einige Tricks, Konzept und technischen Entwicklungen erläutert, die teils sogar schon einigen Kreuzfahrtschiffen zum Einsatz kommen.

Zum einen sind da neue, leistungsfähigere Satelliten mit effizienterer Übertragungstechnik, die gerade in großer Zahl ins All geschossen werden. Bandbreite war in der Vergangenheit immer sowohl Engpass als auch Kostentreiber, sei inzwischen mehr als ausreichend vorhanden, so Sivertsen. Neue Antennen- und Netzwerktechnik an Bord der Kreuzfahrtschiffe tragen ebenfalls zu deutlichen Verbesserungen bei.

„Damit die neue Technik funktioniert, müssen Reedereien erst einmal investieren”

Das klingt einfach, ist aber erst einmal eine hohe Investition. Denn die Reedereien müssen Satellitenempfänger und Netzwerktechnik auf den Schiffen austauschen und Rechenzentren an Bord erweitern.

Die neue Technik ist aber Voraussetzung für eine grundlegende Änderung der Art, wie Internet an Bord bereitgestellt wird: War bisher fast alles abhängig von der gerade installierten Technik und den auf diesen Geräten fest programmierten Funktionen, werden die Systeme künftig dynamisch. Ganz ähnlich wie beispielsweise bei einem Smartphone können Optimierungen, neue Funktionen oder veränderte Abläufe dann einfach per Software-Update eingeführt werden. Das ist viel billiger und Verbesserungen müssen nicht womöglich bis zum nächsten Werftaufenthalt des Schiffs warten.

Selbstlernende Algorithmen und Cache

Trotz besserer Satelliten und fast beliebig verfügbarer Bandbreite bringt ein auf den ersten Blick simpler Trick den größten Vorteil: Caching. Daten werden schon vorsorglich auf die Server am Kreuzfahrtschiff geladen und sind bereits da, wenn der Passagier sie abruft.

Selbstlernende Algorithmen ermitteln dabei, was die Passagiere voraussichtlich benötigen werden – beispielsweise bestimmte Nachrichten-Websites. Wenn 300 Passagiere jeden Morgen die News von Spiegel Online lesen, ist es natürlich sinnvoll, diese Daten nicht 300mal jeweils in Echtzeit über den Satelliten abzurufen. Stattdessen werden die Daten dazu einmalig abgerufen und dann vom Server am Schiff an die Passagiere ausgeliefert. Intelligente Algorithmen ermitteln dabei auch, wie oft dieser zwischengespeicherte Content aktualisiert werden muss, damit die Passagiere nichts Veraltetes bekommen.

„67 Prozent der Daten werden gar nicht mehr live via Satellit geladen”

Etwa 67 Prozent des gesamten Datenverkehrs auf einem Kreuzfahrtschiff kann laut Global Eagle auf diese Weise bereits vorab geladen werden und steht deshalb blitzschnell zur Verfügung und belastet die Datenverbindung nicht gerade im falschen Moment.

Aber auch wenn eine Website live geladen werden muss, gibt es Tricks. Eine Webseite besteht, wie schon erläutert, aus vielen kleinen Einzeldateien, die nacheinander geladen werden. Um nun lange Ladezeiten durch die Latenz der Satelliten-Übermittlung zu verringern, packt das System all diese Einzeldateien in größere Pakete zusammen und versendet diese komplett via Satellit. Am Schiff wird das dann wieder ausgepackt, sodass der Browser am Laptop oder Smartphone des Passagiers davon nichts merkt, sondern die Website so bekommt, wie er sie angefordert hat.

Intelligente Lastverteilung und Priorisierung

Was fürs landbasierte Internet kontrovers, heftig und politisch diskutiert wird, ist für die Satelliten-Übertragung zum Kreuzfahrtschiff ein Segen: Lastverteilung und Priorisierung. Konsultiert beispielsweise der Bordarzt über ein Telemedizin-System gerade einen Kollegen an Land, muss diese Verbindung absolut zuverlässig funktionieren und benötigt Vorrang vor allen anderen Daten. Aber auch bei Video-Streams und Live-TV-Übertragungen sollte es keine Aussetzer und Verzögerungen geben.

„Telemedizin hat Vorrang vor Instagram, blockiert die Verbindung aber dennoch nicht komplett”

Die neuen Systeme können nun sehr genau unterscheiden, welche Art von Daten übermittelt werden, entsprechende Prioritäten bei der Übertragung setzen, dennoch aber mit intelligenter Lastverteilung darauf achten, dass Daten mit niedriger Priorität dennoch auf in akzeptablem Zeitrahmen übertragen werden. Ein Instagram-Foto wird also beispielsweise mit einer vertretbaren Verzögerung von 15 Sekunden hochgeladen, während eine winzige WhatsApp-Nachricht vielleicht schon nach fünf Sekunden gesendet wird, während die Videokonferenz aus der Bordklinik zuverlässig in Echtzeit streamt, ohne die anderen Übertragungen aber komplett abzublocken.

Warum wird Internet an Bord billiger?

Für die Reedereien und damit auch für die Passagiere gibt es neue Preis-Modelle, die nicht mehr auf Bereitstellung einer bestimmten, absoluten Bandbreite basieren (=“Quality of Service“). Stattdessen geht es bei den neuen „Quality of Experience“-Verträgen um tatsächlich genutzte Datenmengen und einen Leistungsumfang, der sich daran orientiert, welche Qualität beim Benutzer tatsächlich ankommt.

Weil die Systeme unterschiedliche Datentypen erkennen und filtern können, sind unterschiedliche Pakete und Preismodelle möglich. Auch der Passagier bezahlt dann nur noch für das, was er tatsächlich nutzt und nicht pauschal für die theoretischen Möglichkeiten.

„Günstige Flatrate sind erst mit intelligenter Datenerkennung möglich”

Auf einigen Kreuzfahrtschiffen gibt es für die Passagiere beispielsweise bereits Social-Media-Flatrates für rund fünf Euro pro Tag. Statt 79 Cent pro Nutzungsminute zu zahlen, bleibt das Smartphone des Passagiers ständig online, dafür kann er aber eben keine Youtube-Videos anschauen oder im Web surfen, dafür aber unbegrenzt What App, Facebook, Instagram und Co. nutzen.

Aber auch Business-Pakete sind mit dieser Technik umsetzbar, bei denen auch ansonsten gesperrte VPN-Verbindungen oder Video-Streaming mit hoher Bandbreite möglich ist – für entsprechend höhere Gebühren.

Fazit: Internet auf Kreuzfahrtschiffen wir immer schneller und günstiger

Die neue Technik nutzt zahlreiche Tricks innovative Ansätze, um die vorhandene und schnell wachsende Satelliten-Bandbreite optimal auszuschöpfen.

Je moderner die Technik, desto schneller und günstiger geht's am Kreuzfahrtschiff ins Internet.
Je moderner die Technik, desto schneller und günstiger geht’s am Kreuzfahrtschiff ins Internet.

Daneben gibt es aber auch von anderen Dienstleistern neue Ansätze, die Internet-Qualität und –Zuverlässigkeit verbessern. Royal Caribbean beispielsweise setzt auf tief fliegende Satelliten von O3b, um Internet in DSL-Geschwindigkeit an Bord zu bekommen. Wie diese Technik funktioniert, habe ich bereits in einem schon etwas älteren Beitrag beschrieben („Highspeed-Internet …“) . Der Carnival-Konzern (u.a. Costa, AIDA, Holland America Line, Princess Cruises) baut für sein über 100 Schiffe seit einigen Jahren ein Hybrid-Netz auf, das Satelliten- und landbasierten Mobilfunk-Verbindungen kombiniert und bereits in vielen Fahrtgebieten verfügbar ist (zu dieser Technik siehe Beitrag unseren aus dem Januar 2015 „Carnival führt Social-Media-Flatrate ein“).

Die ständig aktualisierten Internet-Tarife aller Reedereien finden sich übrigens in der Übersicht Internet-Gebühren am Kreuzfahrtschiff“.

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3 Kommentare zu Tech-Talk: Internet auf Kreuzfahrtschiffen wird schneller und billiger

  1. Leon on März 25, 2017 at 5:29 pm

    Ja, ich finde es wird auch langsam Zeit,dass sich in Sachen Internet auf den Kreuzfahrtschiffen etwas tut. Auch wenn ich selber im Urlaub gut ohne Internet auskomme (ja, es sogar teilweise genieße mal nicht online sein zu müssen) wird es für viele immer wichtiger und muss unserer Zeit angepasst werden. Besonders die Minutenabrechnung bei vielen Reedereien finde ich auch einfach viel zu teuer und die Umstellung auf Datenvolumen ist auf jeden Fall richtig!
    Aber es wird mir auch in Zukunft nicht wirklich wichtig auf einem Kreuzfahrtschiff sein, also blicke ich da ganz entspannt drauf…
    Liebe Grüße

  2. Enno Herbst on Mai 20, 2017 at 8:52 pm

    Habe gerade mit Interesse den Artikel gelesen. Da fällt mir ein, dass unsere Kreuzfahrt westliches Mittelmeer im September schon unter die neue Mobile Daten Regelung für EU stattfindet,und wir somit in jedem Hafen nicht erst ein offenes Wlan-Netz suchen müssen, sondern unsere Flatrate benutzen können ohne Mehrkosten fürs Ausland.Das wäre ja für die Schiffe ein ziemliches Desaster mit den teuren Gebühren (500mb für 35,-€ tui).Oder liege ich da falsch? LG

  3. Franz Neumeier on Mai 21, 2017 at 7:25 am

    Desaster würde ich es nicht gleich nennen, aber natürlich wird das einiges ändern. Die Reedereien verdienen nicht Wirklich viel Internet-Verbindung, weil die technische Infrastruktur an Bord recht teuer ist, v.a. aber die Satelliten-Internet-Verbindung auch für die Reederei sehr teuer ist. Neue Ideen und bessere Satelliten-Technik verbilligt das für die Reedereien gerade schrittweise, was sie ja auch schon an die Kunden weitergeben, beispielsweise über Social-Media-Flatrates, wie im Text oben ja schon beschrieben. Aber längst nicht alle habe schon auf modernere Technik umgerüstet.

    Auch bisher schon gab es schon Möglichkeiten, mit Auslands-Optionen im Vertrag oder international gültigen SIM-Karten deutlich günstigere Datenverbindungen zu bekommen. Und natürlich gilt das ja auch nur, wenn das Schiff im Hafen liegt – sprich: auf See sind wir ja weiterhin auf die Datenverbindung des Schiffs angewiesen.

    Ich sehe eine ganz andere Gefahr, nämlich für die Passagiere: Weil man sich so schnell daran gewöhnt, dass man seine Mobil-Daten auch im Ausland nutzen kann, vergisst man viel leichter, bei der Ausfahrt aus dem Hafen das Datenroaming wieder abzuschalten. Und schon loggt sich das Handy ins Schiffsnetz ein und die Daten werden über die Satelliten-Verbindung abgerechnet, die viel, viel teurer ist, als die von den Reedereien angebotenen WLAN-Tarife an Bord. Da muss man höllisch aufpassen (ich spreche aus eigener Erfahrung – trotz allem Wissen um das Thema und trotz aller Vorsicht habe ich es vor zwei Wochen vergessen und schon war min Prepaid-Guthaben von ca. 10 Euro weg, bevor ich gemerkt hatte, das Datenroaming noch aktiv war …).

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