Abgas-Vorschriften 2015: Reedereien läuft die Zeit davon

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Zumindest der Schwefel-Oxid-Anteil in Schiffsabgasen soll drastisch sinken

Zumindest der Schwefel-Oxid-Anteil in Schiffsabgasen soll drastisch sinken

Reedereien mit Abfahrthäfen oder Fahrtrouten entlang der nordamerikanischen Küste läuft die Zeit davon: Von 1. Januar 2015 an gelten dort die weltweit strengsten Abgasvorschriften, doch die Kreuzfahrtschiffe sind noch nicht mit der nötigen Technik ausgerüstet, um die niedrigen Abgaswerte einzuhalten. Die Alternative, Schwefel-reduzierter Treibstoff, ist teuer.

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Carnival Cruise Line hat daher jetzt als erste Reederei die Notbremse gezogen: Die Carnival Pride wird im Dezember 2014 von Baltimore abgezogen, die Carnival Glory fährt bereits ab November 2013 nicht mehr von Boston und Norfolk. Für die Hafenstädte bedeutet das empfindliche wirtschaftliche Einbußen und möglicherweise auch ein Verlust von Arbeitsplätzen.

Andere Reedereien haben bislang nichts Ähnliches unternommen. So bleibt beispielsweise die Grandeur of the Seas bis mindestens April 2015 in Baltimore stationiert – weiter reichen die aktuell veröffentlichten Fahrpläne noch nicht. Die im Trend liegenden Kreuzfahrten ab New York sind bislang ebenfalls unangetastet geblieben – auch bei Carnival.

Schwefel-Grenze 0,1 Prozent von 2015 an

Nur noch 0,1 Prozent Schwefelanteil im Treibstoff ist ab 2015 entlang der nordamerikanischen Küsten erlaubt. Das ist nur mit dem Einsatz von Scrubber-Technik (Abgasfilterung) oder entsprechend teurem, schwefelarmem Treibstoff zu erreichen. Scrubber werden beispielsweise bei Holland America Line, Royal Caribbean International und Carnival seit einiger Zeit getestet, die Reedereien sind aber offenbar nach wie vor nicht gänzlich davon überzeugt, dass die Nachrüst-Systeme – zumindest auf großen Schiffen – im Dauerbetrieb einsetzbar sind.

Carnival hat zwar nun angekündigt, man wolle nach Test auf einem der Schiffe im Konzern noch in diesem Jahr zwei zusätzliche Schiffe mit Scrubbern ausstatten und 2014 weitere Schiffe nachrüsten. Holland America Line, die Scruber bereits seit 2012 auf der Zaandam testen, wollen trotz vielversprechender Ergebnisse bis auf Weiteres kein zusätzliches Schiff mit Scrubbern ausrüsten (Update 5.9.2013: siehe Ankündigung von Carnival Corp “Carnival-Konzern rüstet 32 Schiffe mit Abgasfiltern aus”). Bei den Tests und der Installation von Scrubbern für sechs Schiffe von Royal Caribbean International und einem von Norwegian Cruise Line arbeiten die Reedereien offenbar derzeit mit der EPA zusammen, die Technik sei aber im Moment noch nicht ausreichend für den Dauerbetrieb.

Zugleich führt Carnival nach eigenem Bekunden Gespräche mit der amerikanischen Umweltbehörde EPA, der US-Küstenwache und der zuständigen kanadischen Behörde „Transport Canada“, um eine Ausnahmegenehmigung zumindest für die Zeit zu bekommen, die für weitere Tests von Scrubber-Abgasreinigungssystemen nötig seien. Auch andere Reedereien stehen offenbar in engem Kontakt mit der EPA, um entsprechende Ausnahmegenehmigungen zu bekommen. Die internationalen Vorschriften MARPOL lassen solche Ausnahmen im Rahmen von Technologie-Entwicklungen und -Tests grundsätzlich zu.

Vorteil für Neubauten

Deutlich leichter tun sich Reedereien bei Neubauten von Kreuzfahrtschiffen. Hier wird mit zahlreichen Verbesserungen der Treibstoffverbrauch als solches und damit auch die Auswirkung von Kostensteigerungen vermindert. Zudem sind sie von Anfang an mit Technik ausgestattet, die an die neuen Vorschriften angepasst sind. So werden beispielsweise die beiden TUI-Cruises-Neubauten Mein Schiff 3 und Mein Schiff 4 ebenso wie Royal Caribbeans Quantum of the Seas und Anthem of the Seas von Anfang an mit Scrubbern ausgestattet. AIDA senkt unter anderem mit einer neuen Rumpfform sowie einer speziellen Luftblasen-Technik für niedrigeren Treibstoffverbrauch und will gänzlich auf Schweröl als Treibstoff verzichten.

Hohe Treibstoffkosten bei Fahrten entlang der amerikanischen Küste

Die neuen Grenzwerte für die nordamerikanische ECA wirken sich besonders stark auf Kreuzfahrten nach Alaska, nach Neuengland/Kanada und entlang der US-Ostküste zu den Bermudas, Bahamas oder in die Karibik aus. Daher verlegt Carnival die Schiffe mit langen Fahrstrecken innerhalb der Schutzzone von Baltimore und Boston respektive Norfolk weg nach Florida – Miami und Tampa – um auf möglichst kurzem Weg die Schutzzone verlassen und auf billigeren Treibstoff umstellen zu können.

Carnival Corp. rechnet vor, dass die verschärften Umweltvorschriften von 2015 an jährlich konzernweit 255 bis 275 Millionen Dollar an zusätzlichen Treibstoffkosten verursachen werden. Für die Nachrüstung von Scrubbern, mit denen zumindest eine der Maschinen auf jedem Schiff ausgestattet werden müssten, rechnet der Kreuzfahrt-Konzern mit Kosten von jeweils 1 bis 1,5 Millionen Dollar. Diese Investition würde dann allerdings die Treibstoffkosten senken, da mit Scrubber wiederum billigerer Treibstoff mit höherem Schwefelgehalt verwendet werden kann.

Ein Schifffahrtsexperte in den USA, Gary English, rechnet in einem Gastbeitrag auf der Website der Zeitschriften Maritime Reporter und MarineNews vor, dass die neuen Abgas-Grenzwerte bei einer 7-Nächte-Kreuzfahrt nach Alaska zu einer durch höhere Treibstoffkosten bedingte Kostensteigerung von 7 Dollar pro Passagier und Tag, also 49 Dollar für die komplette Kreuzfahrt führe.

Laut Baltimore Sun haben Hafenbehörden on Maryland ausgerechnet, dass für eine Kreuzfahrt von Baltimore zu den Bermudas, Bahamas oder in die Karibik zwischen 65 und 140 Dollar an Treibstoff-bedingten Zusatzkosten pro Passagier entstünden.

Abwehrversuche bislang vergeblich

Auf Basis der höheren Kosten für schwefelarmen Treibstoff hatte der Lobbyverband der Kreuzfahrtindustrie, die CLIA, bereits im vergangenen Jahr ein drastisches Bild für die amerikanischen Kreuzfahrthäfen gezeichnet: Man gehe davon aus, dass aufgrund der steigenden Kosten 132 Kreuzfahrten mit einer Dauer von 7 Nächten nach Alaska, 36 nach Neuengland/Kanada und 34 von nordostamerikanischen Häfen zu den Bahamas und in die Karibik gestrichen würden. Das bedeute, die kreuzfahrtbezogenen Aufgaben in den USA und Kanada und damit der Umsatzausfall für die betroffenen Häfen werde um 1,5 Milliarden Millionen Dollar sinken, knapp 14.000 Jobs stünden direkt und indirekt auf dem Spiel.

Versuche der CLIA und der Reedereien, das Inkrafttreten der strengen Vorschriften ab 2015 zu verzögern oder zu verhindern, sind bislang aber fehlgeschlagen. Der US-Bundesstaat Alaska hatte sogar eine Klage gegen die Einführung der strengeren ECA-Regeln angestrengt.

Hintergrund: Abgas-Vorschriften für (Kreuzfahrt-)Schiffe

Die nordamerikanische Schutzzone (ECA) sieht bereits jetzt für die Gewässer bis 200 Meilen vor den Küsten der USA und Kanadas unter anderem einen Schwefel-Grenzwert im Treibstoff von maximal 1 Prozent vor oder alternativ eine entsprechende Abgasreinigung (Scrubber). Von 1. Januar 2015 verschärft sich dieser Grenzwert auf 0,1 Prozent – ein Wert, der für europäische Häfen schon seit 2010 gilt. In EU-Küstengewässern (12-Meilen-Zone) tritt dagegen erst 2020 eine Grenze von 0,5 Prozent in Kraft, bis dahin sind – außer in Nord- und Ostsee – 3,5 Prozent Schwefelanteil erlaubt. Mehr Detail zu den Schutzzonen und Grenzwerten finden Sie in unserem Beitrag „Abgas-Vorschriften für Kreuzfahrtschiffe“.

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2 Kommentare zu Abgas-Vorschriften 2015: Reedereien läuft die Zeit davon

  1. Frank Dietz on Juli 9, 2013 at 12:14 pm

    Also die 50 $ bis 150 $ treiben mich nicht in die Sozialhilfe. Ich bin gern bereit das dafür zu bezahlen.

    Denn wenn man mal den Schadstoffausstoß von einem Kreuzfahrtschiff mit einem PKW vergleicht oder gleich einigen tausend wenn nicht sogarn hunderttausend PKW’s ist das schon erschreckend was da oben raus kommt.

  2. Franz Neumeier on Juli 9, 2013 at 12:23 pm

    Also unbestritten: Der Aufpreis hält sich erstaunlich in Grenzen, das sollte eigentlich machbar sein.

    Trotzdem ist der Vergleich mit den Autos nicht mehr als aggressive Propaganda insbes. des NABU, denn der Vergleich hinkt nicht nur, dem fehlt gleich ein komplettes Bein (um mal in dem Hinke-Bild zu bleiben). Da wird ein kompletter Urlaubshotelbetrieb, der rund um die Uhr in Betrieb ist, mit einem reinen Beförderungsmittel verglichen, das 95 Prozent der Zeit in der Garage steht. Seriöser und ehrlicher wäre ein Vergleich z.B. eines All-inclusive-Ferienressorts inkl. Hotel- und Restaurant-Betrieb, Entertainment und Mietwagen und inkl. der örtlichen Kläranlage, Heizkraftwerk etc. Das würde dann nämlich eher dem entsprechen, was ein Kreuzfahrtschiff darstellt …

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