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IMO-Generalsekretär: „Wir stehen am Rande einer humanitären Krise und eines echten Sicherheitsproblems.“

Die Situation um Crew-Mitglieder, die wegen anhaltender Reisebeschränkungen auf Kreuzfahrtschiffen – aber auch auf zehntausenden von Fracht- und Containerschiffen – weltweit festsitzen, spitzt sich immer weiter zu. Der IMO-Generalsekretär Kitack Lim spricht von einer drohenden, humanitären Krise. In Großbritannien hat die zuständige Behörde für die Port State Control in diesem Zusammenhang jetzt fünf Kreuzfahrtschiffe wegen Verletzungen internationaler Arbeitsschutzvorschriften an die Kette gelegt.

Manche Crewmitglieder sind bereits seit mehr als zwölf Monaten an Bord der Schiffe, erhalten ihre Heuer verspätet, vorgeschriebene Arbeitsverträge sind längst abgelaufen und ungültig. Die britische Maritime and Coastguard Agency (MCA) hat deshalb fünf der sechs Kreuzfahrtschiffe von Cruise & Maritime Voyages (CMV) wegen solcher Verletzung der Maritime Labor Convention (MLC) in britischen Häfen festgesetzt.

Zunächst hatte die MCA in Tilbury die Astoria an die Kette gelegt, um eine umfassende Überprüfung an Bord vornehmen zu können. Aufgrund der gewonnen Erkenntnisse hat die Behörden dann auch die Astor, Columbus, Vasco de Gama in Tilbury sowie die Marco Polo in Bristol festgesetzt, um diese ebenfalls detailliert zu überprüfen, berichtet The Marine Executive. Nicht betroffen ist demnach lediglich die Magellan, auf der keine wesentlichen Verstöße festgestellt worden waren. Sie liegt derzeit ebenfalls in Tilbury.

Auf den CMV-Schiffen sitzen Berichten zufolge rund 600 indische Seeleute fest. Deren Rückführung nach Indien scheitert offenbar bereits seit fast drei Monaten an Einreisebestimmungen der indischen Regierung. Dem Bericht zufolge sind 50 Crewmitglieder der Astoria kürzlich in Streik getreten und führen die routinemäßigen Wartungsarbeiten an Bord nicht mehr durch. CMV soll sein Mitgefühl mit den eigenen Crew-Mitgliedern geäußert haben, scheitert aber damit, eine Heimreisemöglichkeit für sie zu finden. Indien gehört zu den Ländern, die selbst eigene Landsleute nur sehr zögerlich einreisen lassen.

Zusammenarbeit von Port State Control und IMO setzt Signal

Die Festsetzung der CMV-Kreuzfahrtschiffe setzt nun ein deutliches Signal und macht den Schiffsbesatzungen weltweit Hoffnung. Am 17. Juni hatten für die Port State Control zuständigen Behörden in einem Online-Meeting im Rahmen der IMO (International Maritime Organization) ihre Kooperationsbereitschaft mit der International Labour Organization (ILO) der UNO signalisiert.

Laut IMO könne die Port State Control eine Schlüsselrolle in der Krise spielen, weil sie zwar nicht direkt für die Rückführung von Crew und den regulären Crewwechsel auf Seeschiffen zuständig sei, aber die Einhaltung der internationalen Arbeitsvorschriften in ihrem jeweiligen Hoheitsgebiet erzwingen könne. Wie sich das auswirken kann, zeigt nun die Festsetzung der CMV-Schiffe in Großbritannien.

Die Deutsche Seemannsmission kommentiert auf Twitter: „Hafenstaatskontrolle soll kontrollieren, ob Seeleute zu lange an Bord sind. Schiffe werden festgehalten oder umgeleitet. Hoffentlich wird das konsequent umgesetzt, damit der Druck auf Regierungen steigt und JETZT eine Lösung für Crewwechsel kommt.“

Reisebeschränkungen für hunderttausende Seeleute gefährden die weltweite Lieferkette

Der britische Transportminister Grant Shapps sagte gegenüber The Marine Executive, die britischen Behörden würden weiterhin alle ihnen zur Verfügung stehende Macht nutzen, um das Wohlergehen von Seeleuten zu schützen, die sich derzeit in Großbritannien aufhielten.

Das zugrundeliegende Problem ist freilich ein viel größeres und die Kreuzfahrtschiff-Crew ist – bei aller Dramatik – eher ein Randaspekt, der zeigt, wie kritisch die Situation von Seeleuten ist. Es geht nicht nur um ein paar Hundert Vergnügungsdampfer, sondern um die weltweite Versorgung mit Gütern aller Art.

Seit Wochen fordern Reedereien, Schiffsmanagement-Unternehmen, Gewerkschaften, Gruppen von Crewmitgliedern und Seefahrermissionen lautstark aber bislang weitgehend vergeblich eine Lösung für das Problem der Crew-Rückführung von Kreuzfahrtschiffen und vor allem des Crewwechsels auf Fracht- und Containerschiffen.

Obwohl die IMO längst ein Konzept vorgelegt hat, nach dem die Rückführung von Crew in ihre Heimatländer und der Austausch von Schiffsbesatzungen gefahrlos und ohne nennenswertes Ansteckungsrisiko mit Covid-19 möglich wäre, mauern Regierungen zahlreicher wichtiger Staaten beharrlich.

Für Frachtschiffe wir die Situation auch deshalb zunehmend kritisch, weil zu wenig lizensierte Seeleute für den ordnungsmäßigen Betrieb der Schiffe zur Verfügung stehen. Lizenzen der Besatzung an Bord laufen ebenso ab wie deren Arbeitsverträge, Ersatz-Personal kann aber nicht zu den Schiffen reisen. Damit zusammenhängend läuft dann auch der Versicherungsschutz für die Schiffe aus, weil sie nicht mehr ordnungsgemäß besetzt sind.

Gewerkschaft ITF: Hilfe für Seeleute jetzt ohne Rücksicht auf den globalen Handel

Die International Transport Workers’ Federation (ITF) hat am 15. Juni angekündigt, die Seeleute nun unabhängig von den Konsequenzen für den globalen Handel dabei zu unterstützen, ihre Arbeit regulär zu beenden, die Schiffe zu verlassen und nach Hause zu kommen. Der ITF zufolge sind aktuell rund 200.000 Seeleute von den Reisebeschränkungen im Zuge der Covid-19-Krise betroffen.

Kanada, Großbritannien, Zypern und Hongkong sind jetzt laut ITF unter den ersten Staaten, die einlenken und sich als Knotenpunkte für die Crewwechsel anbieten. So macht Kanada beispielsweise bei den Quarantäne-Vorschriften eine Ausnahme für Seeleute auf der Heimreise. Freilich ist die Crew dann immer noch darauf angewiesen, dass ihr eigenes Heimatland sie auch einreisen lässt.

Laut UNO-Generalsekretariat hängt mehr als 80 Prozent des Welthandels von der Schifffahrt ab, darunter auch medizinische Versorgung, Lebensmittel und Güter für die Bekämpfung er Covid-19-Pandemie.

Frank Coles, CEO des Schiffsmanagement-Unternehmens Wallem Group, findet in einem Kommentar auf Linkedin deutliche Worte: „Wir kratzen (derzeit) kaum an der Oberfläche der Anforderungen an den Besatzungswechsel. Es werden mehr Charterflüge gestrichen als Flüge stattfinden. Wir brauchen das Militär, wir brauchen eine Logistikoperation wie damals die Berliner Luftbrücke, um dieses Problem zu lösen. Wir brauchen kompetente Regierungen und Führung in den Ländern, die Teil der Lösung sein müssen.“

Zum internationalen Tag der Seeleute der UNO am 26. Juni kommentiert die Deutsche Seemannsmission auf Twitter: „Seeleute sind systemrelevant. Es geht darum, dass Regierungen dies dringend sofort umsetzen müssen. Sonst bricht die #Lieferkette“.

Mehr als 25 Kreuzfahrtschiffe vor Manila vor Anker, Crew darf nicht von Bord

Wie absurd die Situation derzeit ist, zeigt das Beispiel der Bucht vor Manila. Dort liegen seit Wochen über 25 Kreuzfahrtschiffe vor Anker, seit Wochen gab es keine Covid-19-Infektionen mehr an Bord. Philippinische Crewmitglieder warten darauf an Land gehen zu dürfen, doch die philippinische Regierung besteht auf Einhaltung von Quarantänevorschriften, obwohl die entsprechenden Einrichtungen an Land für so viele Menschen bei weitem nicht ausreichen.

Wie viele Crewmitglieder sich noch auf diesen Kreuzfahrtschiffen vor Manila befinden ist unklar. Fest steht jedoch, dass die Philippinen nur eine geringe Zahl an Seeleuten pro Tag ins Land lässt.

Noch Anfang Juni ging das Außenministerium der Philippinen davon aus, dass etwa 35.000 philippinische Seeleute von Handelsschiffen im Zuge der Rückführung während der Coronakrise in ihre Heimat zurückkehren würden. Über 22.000 waren zu diesem Zeitpunkt wohl bereits zurückgekehrt.

Weltweit saßen laut der Zeitung Miami Herald mit Stand Mitte Juni allein auf Kreuzfahrtschiffen immer noch etwa 42.000 Crew-Mitglieder unterschiedlicher Herkunft fest.

Cruisetricks.de hat bereits mehrfach über diesen Themenkreis berichtet, unter anderem über den Bemühungen der Kreuzfahrt-Reedereien, Crew per Schiff statt Flugzeug in ihre Heimatländer zu bringen oder den absonderlichen Streit zwischen der US-Gesundheitsbehörde CDC mit den Reedereien über die Schutzmaßnahmen bei der Rückführung von Crew auf Schiffen vor Florida, aber auch positives wie die Unterstützung von Barbados bei der Rückführung von Crewmitgliedern.

1 Kommentar

1 Kommentar zu “IMO-Generalsekretär: „Wir stehen am Rande einer humanitären Krise und eines echten Sicherheitsproblems.“

  1. Das Problem der Seefahrt wird sich auch in Zukunft weiter verschärfen. Es ist dramatisch, dass der Welthandel sich auf Menschen aus der dritten Welt stützt. Es ist vor allem ein Problem der Löhne, wie überall, siehe Baubranche, Fleischindustrie, Agrarindustrie, so wird auch hier – in der Schifffahrt – auf Billiglohnländer und das funktionieren der Menschen aus diesen gesetzt.
    In der Kreuzfahrtindustrie verschärft sich die Situation noch einmal erheblich, da die Betreiber nicht nur die reguläre Crew benötigen, sondern auch die tausende Hilfskräfte, welchen den Paxen an Bord alle Wünsche erfüllt. Es ist die Kette der Ausbeutung, welche hier zu tragen kommt. So lange sich speziell die Situation der Crew an Bord der Kreuzfahrtschiffe insbesondere nicht verändert, wie gerechte Heuer, Unterkunft, Verpflegung usw. usw. laboriert diese Branche weiter an den aufkommenden alten und zukünftigen Problemen.
    Ein Dachverband, wie die IMO, ist nur bedingt bereit etwas an dieser bestehenden Situation der Seeleute zu ändern, er repräsentiert die mächtige Lobby der Reeder im Zusammenhang der Interessen der Länder. Wie bsw. Freedom of navigation act, Seewege und Interessengebiete etc.
    Es ist im Endeffekt die Ohnmacht, und der Spiegel der Zeit und globalen Gesellschaft, welcher uns Menschen, der besser gestellten Länder, vor die Nase gehalten wird. Betraf es in der Vergangenheit nur wenige, gut situierte Menschen – wie in der Adelshäusern bsw. – fällt es nun auch “Otto Normalverbraucher” auf, wenn es Lieferengpässe gibt oder gar die geliebte Kreuzfahrt gefährdet ist oder gar wegbricht….
    Da sich die vielfältigen Ansprüche der Menschen weltweit, bedingt durch den Bevölkerungszuwachs, weiterhin vergrößern werden ist an einer grundlegenden Verbesserung nicht zu denken. Dies sieht man insbesondere an dem “Luxussegment – Kreuzfahrt” im Besonderen… waren es in der Vergangenheit insbesondere Menschen von den Philippinen welche sich um das Wohlergehen der Menschen auf den Kreuzfahrtschiffen kümmerten, so wird die Spirale immer weiter nach unten gedreht…. Indien, Simbabwe, und woher auch immer… Billig – will ich… so die Devise.
    Ich weiß nicht, wie viel ein Konzern wie Carnival Cruise einspart an Heuer, wenn sie Menschen aus den Armenhäusern der Welt beschäftigen… Das sollten sich die Kreuzfahrttouristen jeden Tag vor Augen führen auf den Schiffen und sie sollten eine Art von Demut zeigen, dass diesen Menschen gegenüber, welche ständig für sie da sind….. es schleift sich eine Art von dekadenter Selbstverständlichkeit ein —- ich habe ja schließlich bezahlt….
    Alles in Allem bleibt es interessant wie sich die “Aorta” Schifffahrt, Seehandel und Kreuzfahrtindustrie – als Teil dessen, weiter entwickelt. Ich persönlich hege einen hohen Respekt gegenüber den Menschen welche auf See für uns alle da sind – den Seeleuten (vielleicht, weil ich lange Jahre ein Teil von ihnen war).
    Respekt und Anerkennung, das ist es was diese Menschen verdienen, in jedlicher Richtung, von den Unternehmen, den Heimatländern und von uns, den Kreuzfahrttouristen.
    Ich rufe allen Seeleuten zu..
    “Take care and may God bless you…”

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