Touren in kleinen Gruppen

Nachhaltiges „Adventure Cruising“ mit Intrepid Travel – Beobachtungen und Erfahrungen

Eine „Adventure Cruise“ mit Intrepid Travel ist nur auf den ersten Blick eine normale Kreuzfahrt auf einem kleinen Schiff. Im Vordergrund stehen hier nämlich nachhaltiges Reisen und möglichst authentische Erfahrungen. Das verändert das Reiseerlebnis deutlich, stellt aber längst nicht alles Gewohnte einer Kreuzfahrt auf den Kopf.

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In Deutschland ist Intrepid Travel noch wenig bekannt. Weltweit aber verreisen mit dem 1989 von zwei Australiern gegründeten Unternehmen jährlich über 100.000 Reisende mit Zielen in über 100 Ländern.

Während meiner Kreuzfahrt im Nordwesten Islands habe ich mir dieses Konzept genau angesehen und auch ein ausführliches Interview mit Filippos Venetopoulos geführt, der bei Intrepid Travel für den Kreuzfahrtbereich verantwortlich ist.

Nachhaltigkeit, authentisches Erlebnis, Kleingruppen

Die Idee der Gründer: Wirklich nachhaltige Reisen anzubieten, in kleinen Gruppen von 12 oder 15 Personen, die das Reiseland möglichst authentisch und mit viel Kontakt zu Einheimischen erleben wollen. Seit 2017 bringt Intrepid Travel diese Idee auch in die Kreuzfahrt, in manchen Ländern übrigens unter der Marke Peregrine Adventure Tours. Aber das Produkt ist dasselbe.

Intrepid Travel ist seit 2010 nach eigenen Angaben ein CO2-neutrales Unternehmen, versucht den CO2-Ausstoß gering zu halten, beispielsweise durch weniger CO2-intensive Transportmittel, auch mal unter Verzicht auf Klimaanlagen. Der Rest wird durch Kauf von CO2-Zertifikaten ausgeglichen. Ganz aktuell im August 2018 erhielt Intrepid Travel nach einem langwierigem Auditing die anspruchsvolle „B Corp“-Zetifizierung für die Nachhaltigkeit des gesamten Unternehmens.

Das Unternehmen nutzt so viel wie möglich lokale Dienstleistungen und kauft Lebensmitteln bei Familienbetrieben vor Ort ein. Die Einheimischen will Intrepid so gut wie möglich vom Tourismus profitieren lassen, statt Lebensmittel zentral einzukaufen und per Container anzuliefern, oder Tour-Guides über landes- oder weltweit agierende Agenturen zu bestellen.

Lokale Reiseleiter und Guides

Für den Passagier wird diese Grundidee am deutlichsten sichtbar durch die Reiseleiter und Tour Guides. Die Reiseleiter stammen jeweils aus der Region und begleiten die Gruppe auf der gesamten Reise. Intrepid schult die Reiseleiter, so dass sie das Konzept des Unternehmens umsetzen können. Auf meiner Island-Reise waren das der Isländer Bjarni („Karl“) sowie die aus Litauen stammende Jura, die seit 16 Jahren mit ihrer Familie in Island lebt.

unsere Reiseleiter Jura und Bjarni ("Karl")
unsere Reiseleiter Jura und Bjarni („Karl“)
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Am ersten Tag holt Bjarni uns von Flughafen ab und bevor wir richtig am Schiff angekommen sind, haben wir ein Gefühl für das Land, die Lebensart, die Sprache. Der Abschied von Jura und Bjarni am Ende der Reise fällt den meisten Reisenden schwer, weil sich in den wenigen Tagen schon ein sehr vertrautes Verhältnis entwickelt hat.

Jura und Bjarni übernehmen die Führung beispielsweise bei Wanderungen und während Busfahrten. An einigen Orten kommen aber auch lokale Tour-Guides dazu – ebenfalls von Intrepid selbst ausgewählt und geschult – die vor Ort wohnen und noch intensiver die lokalen Besonderheiten vermitteln können.

Mit lokalen Guides über die Schotterpisten in West-Island
Mit lokalen Guides über die Schotterpisten in West-Island

Als wir beispielsweise von Patreksfjördur zum Goldstrand „Raudisandur“ und dem Latrarbjarg-Vogelfelsen fahren, haben wir den Eindruck, unsere beiden Guides kennen jedes Haus entlang des Wegs, jeden Bewohner und seine Geschichte.

Authentisches Erleben statt Standard-Tourguide-Programm

Statt Jahreszahlen und Geschichtsdaten erfahren wir von Legende und persönlichen Schicksalen, wir lernen, wie die Menschen hier denken und leben. Und die guten Ortskenntnisse der Guides haben ebenfalls ihre Vorteile. Am Godafoss-Wasserfall fahren wir beispielsweise zur Nordseite statt zum großen Parkplatz südlich der Wasserfälle, weil man hier auch nach unten steigen kann und ganz nahe ans Wasser heran kommt.

Näher dran am Godafoss Dank guter Ortskenntnis der Guides
Näher dran am Godafoss Dank guter Ortskenntnis der Guides

Anders als bei typischen Kreuzfahrt-Landausflügen sind wir in kleinen Gruppen unterwegs, bei Intrepid typischerweise 12 bis 15 Personen pro Guide. In Island sind wir – weil die Route erst zum zweiten Mal angeboten wird – mit 30 Passagieren und zwei Guides gemeinsam unterwegs.

Touren in kleinen Gruppen
Touren in kleinen Gruppen

Noch zwei wesentliche Aspekte unterscheiden die Ausflüge auf dieser Reise von den typischen Kreuzfahrt-Landausflügen:

a) Die Ausflüge sind im Reisepreis inklusive, auch das Trinkgeld für die Guides und Busfahrer. Die oft peinliche Trinkgeld-Prozedur entfällt also komplett. Und die Trinkgelder werden den Guides oder dem Busfahrer vom Reiseleiter ohne große Show, aber für jeden sichtbar im Kuvert übergeben, sodass man sicher sein kann, dass die Leute ihr Trinkgeld tatsächlich bekommen.

b) Es bleibt immer bewusst viel Zeit für individuelles Erkunden – und zwar nicht dort, wo der Guide Provision von Shops und Restaurants bekommt (das wird bei Intrepid nämlich nicht akzeptiert), sondern dort, wo es wirklich relevant und interessant ist. Die Guides geben Tipps, begleiten die Reisenden auch mal in ein Restaurant oder Museum. Aber „60 Minuten Freiheit in der Shopping-Mall“ wie sonst auf Landausflügen oft, passiert hier nicht.

Halbpension statt Vollverpflegung

Auf den ersten Blick klingt das seltsam: Ausflüge und Trinkgelder sind im Reisepreis inklusive, aber Essen gibt’s an Bord nur zweimal am Tag: Frühstück plus Mittag- oder Abendessen. Dazu durchgehend Kaffee und Tee sowie kleine Snacks und Obst.

Mittagspause mit Aussicht
Mittagspause mit Aussicht

Aber das stützt – ganz im Sinne der Nachhaltigkeits-Idee von Intrepid Travel – die lokale Wirtschaft in den angelaufenen Häfen. Und es bewegt die Passagiere dazu, die lokale Küche auszuprobieren, rauszugehen und nicht der Versuchung zu unterliegen, dann doch wieder an Bord zu essen, weil es ja schon bezahlt ist. Restaurant-Empfehlungen und Tipps gibt es von den lokalen Reiseführern, die teils auch selbst mit zum Essen gehen. Die Liegezeiten in den Häfen sind entsprechend lang.

Geht einer der Ausflüge über Mittag, gibt’s aber dennoch Sandwiches und Obst, sodass man nicht gezwungen ist, unterwegs Geld auszugeben. Auf unserer Island-Reise probieren wir dann aber doch neben unserem Sandwich immer auch eine kleine, lokale Spezialität wie zum Beispiel einen isländischen Pfannkuchen mit Beerenmarmelade.

isländischer Pfannkuchen
isländischer Pfannkuchen

Passend zum Konzept gibt es keine Plastik-Wasserflaschen. Stattdessen findet jeder Passagier im Mini-Kühlschrank seiner Kabine große Alu-Wasserflaschen, die regelmäßig aufgefüllt werden. Ansonsten sind die Getränke im Restaurant und an der Bar extra zu bezahlen.

Lokale Küche

Fester Bestandteil des Ausflugsprogramms ist die lokale Küche. Immer wieder gibt es unterwegs etwas zu probieren. Ob ein Humpen Vikinger-Bier zu Beginn der Gisli-Saga-Tour im Dyrafjord oder isländischen Aquavit und Trockenfisch zum Abschluss der Tour in Patreksfjödur. Den Trockenfisch – eigentlich eine herrlich fettarme, proteinreiche Alternative zu Kartoffelchips – essen die Isländer, anders als die Norweger, mit viel Butter.

Vikinger-Bier und isländische Sagas
Vikinger-Bier und isländische Sagas
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Drei traditionelle Varianten von eingelegtem Hering probieren wir im auch sonst fantastischen Hering-Museum von Siglufjördur: Zimt-Salz-Hering, mit Zwiebeln eingelegt oder geräuchert.

Und an einem Abend kommt eine isländische Köchin an Bord und übernimmt die Galley. Sie kocht das Abendessen mit isländischen Spezialitäten (Fischsuppe, Kabeljau-Filet, isländisches Brot und zum Dessert Skyr mit Erdbeeren) und parallel dazu erklärt und demonstriert sie im Restaurant die Zubereitung der Gerichte.

Isländische Spezialitäten mit einer lokalen Köchin
Isländische Spezialitäten mit einer lokalen Köchin

Nebenbei gibt es viel typisch Isländisches zu probieren: geräuchertes Lamm auf Flatbread, Schafskopf-Sülze, Leberwurst, getrockneter Fisch, isländische Schokolade.

Auf anderen Reisen besucht Intrepid mit seinen Passagieren lokale Köche auch mal direkt in ihrem Restaurant oder – wie im Fall der isländischen Köchin – auf ihrer Pferdefarm.

Noch ein paar Detail und mein Fazit

„Adventure Cruising“ mit Intrepid Travel ist ein Gruppen-Erlebnis mit viel Kontakt zu den Mitreisenden und zu Einheimischen. Im Restaurant gibt es keine festen Plätze, zu jedem Essen mischen sich die Passagiere neu zusammen, sodass man am Ende der Reise den Eindruck hat, sich mit jedem der Mitreisenden zumindest einmal länger unterhalten zu haben.

Dennoch bleibt Raum für Individuelles, vor allem während der freien Zeit in den Häfen. Und wer unbedingt für sich bleiben möchte, wird zu nichts genötigt.

Für Alleinreisende ist Intrepid Travel eine der raren Möglichkeiten in der Kreuzfahrt, ohne Einzelkabinen-Zuschlag zu reisen. Denn wer allein reist, teilt sich die Kabine mit einem Mitreisenden gleichen Geschlechts. Wahlweise gibt’s gegen Aufpreis aber auch Einzelkabinen. Anschluss finden Alleinreisende auf dem kleinen Schiff und wegen der familiären Atmosphäre schnell.

Die "Panorama" unter Segeln
Die „Panorama“ unter Segeln

Was das „Adventure Cruising“ von Intrepid Travel besonders macht, ist neben der nachhaltigen Grundeinstellung des Unternehmens vor allem das viel authentischeres Erlebnis der Destination, der Kontakt zu Einheimischen und oft auch die Reiseroute, die zu Zielen ein wenig abseits der ausgetrampelten Touristen-Pfade führt – die auf meiner Island-Reise zu den etwas abgelegenen und deshalb wenig besuchten Westfjorden.

Insgesamt fühlt sich das viel mehr wie eine „Reise“ an und weniger wie „Tourismus“. Obwohl das zugleich die Zukunft zumindest eines Teils des modernen Tourismus‘ sein könnte und sollte: zurück zu mehr Respekt vor der Natur und den Einheimischen, schonend und einfühlsam statt einvernehmend und überrollend.

Die Zukunftspläne von Intrepid Travel sind für die Kreuzfahrt-Sparte denn auch recht ambitioniert: Ein Prozent des Kreuzfahrtmarktes will sich das Unternehmen holen, was rund 60 kleine Kreuzfahrtschiffe bedeutet. Näheres dazu erläutert Filippos Venetopoulos, General Manager Marine der Intrepid Group, in dem Interview, das ich mit ihm an Bord der „Panorama“ in Island geführt habe.

Anmerkung*: Cruisetricks.de reist auf der Panorama auf Einladung von Intrepid Travel.

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