Robert Calcagno

Interview: „Wir sollten unseren Werten mehr Bedeutung beimessen als unserem Geld“

Sollten sich Menschen aus sensiblen Regionen wie der Arktis fernhalten? Sind Expeditionskreuzfahrten schädlicher Luxus? Im cruisetricks.de-Interview erklärt Robert Calcagno, Meeresschützer und CEO des Oceanigraphic Institute von Monaco, warum es wichtig ist, dass wir Menschen die unberührte Natur persönlich erleben, wie wir sie besser schützen können und was jeder einzelne zum Schutz der Oceane tun kann.

Robert Calcagno ist CEO des Oceaographic Institute der Prince Albert I of Monaco Foundation und leitet das Oceanographische Museum in Monaco sowie die Maison des océans in Paris. Geboren in Meton, Frankreich, ist er seit 2009 monegassischer Staatsbürger. Robert Calcagno war einer der Initiatoren für die Gründung der „Monaco Blue Initiative“, einer internationalen Brainstorming-Plattform zum Schutz der Ozeane, die 2010 gegründet wurde. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem über das Mittelmeer, über Haie, Quallen und Meeresschildkröten und deren Schutz. Von 2006 bis 2009 war er als Berater Mitglied des Kabinetts der Regierung von Monaco.

Ich habe Robert Calagno auf meiner Spitzbergen-Expeditionskreuzfahrt mit der Sea Spirit von Poseidon Expeditions im Juni 2019 getroffen, auf der er als Gastlektor an Bord war. Ich habe mich während dieser Reise viel mit ihm unterhalten und natürlich für cruisetricks.de dieses Interview mit ihm geführt.

Robert Calcagno und seine Frau Beatrice am Strand von Poolepynten, Svalbard
Robert Calcagno und seine Frau Beatrice am Strand von Poolepynten, Svalbard

Wie engagiert Robert Calcagno für den Schutz der Ozeane eintritt, deutet vielleicht auch dieses Foto an, das ich von ihm und seiner Frau Beatrice am Strand von Poolepynten auf der Svalbard-Insel Prins Karls Forland geschossen habe. Die beiden hatten bei ihrem Strandspaziergang spontan jede Menge Plastik-Müll, vor allem aus der Fischerei, eingesammelt.

Gegner von Expeditionskreuzfahrten argumentieren, wir Menschen hätten in unberührter Natur wie der Arktis nichts verloren. Warum sind Expeditionskreuzfahrten wichtig? Warum sind Sie selbst hier?

Ich nenne Ihnen zwei historische Zitate aus dem Ozeanographischen Instituts. Erstens, unser Leitbild – es ist immer noch das gleiche seit mehr als 100 Jahren: „Das Meer kennen, lieben und schützen“. Wir arbeiten also an detaillierterem Wissen, wir arbeiten daran, dass die Menschen ein besseres Verständnis und eine bessere Beziehung zum Meer entwickeln, um die Ozeane zu schützen und in Zukunft intaktere Ozeane zu haben. Das ist der erste Punkt: Wissen, lieben und schützen. Diese drei Aspekte sind eng miteinander verbunden.

Das zweite Zitat stammt von Commandant Jacques Cousteau, der 31 Jahre lang Direktor des Ozeanographischen Museums war: „Man kann nicht beschützen, was man nicht liebt und was man nicht kennt.“

Die beiden Zitate sagen genau das gleiche aus. In der Tat glaube ich nicht, dass die Menschheit sich um die Natur kümmern wird, wenn sie die Natur nicht kennt. Das ist der Grund, warum es wichtig ist, dass einige Menschen – natürlich nicht jeder, aber zumindest einige – die Chance haben, die Natur, die Wildnis zu erleben. Zu erleben, wie schön sie ist und warum wir einen Weg finden müssen, sie zu schützen. Und auch zu erleben, wie zerbrechlich sie ist.

„... sich anleiten lassen, die Natur ein wenig besser zu verstehen.”

Ich war erstaunt hier an Bord zu erleben, dass einige der Gäste vielleicht zum ersten Mal verstanden haben, wie in der Natur alles zusammenhängt. Im Ozean gibt es Plankton. Kleine Fische fressen das Plankton. Vögel fressen die kleinen Fische. Die Vögel liefern mit ihrem Kot den Dünger für den Boden. Dort wächst das Gras, das die Rentiere fressen. Das ist überall, wie ein Netz, alles ist miteinander verbunden. Das ist der eigentliche Grund, warum es wichtig ist, dass einige Menschen die Möglichkeit haben, sich hier anleiten lassen, die Natur ein wenig besser zu verstehen.

Aber natürlich ist auch richtig, dass solche Reisen Nachteile mit sich bringen. Man kann die Natur nicht betreten, ohne sie zu stören. Wir müssen also vorsichtig sein und versuchen, dies auf eine so nachhaltige Weise wie möglich zu tun. Es ist unmöglich, gar keine Fußspuren zu hinterlassen. Aber ein kleines Boot mit etwa 100 Gästen wie dieses (Anm.: die Sea Spirit von Poseidon Expeditions) ist natürlich weniger belastend als größere Boote mit ein paar hundert Gästen an Bord. Wir sind weniger Menschen und haben die entsprechende Anzahl von Guides. Wir werden angeleitet und auch von einem Guide kontrolliert. Pro zehn Personen gibt es einen Guide und selbst wenn jemand nicht zuhören will, nicht verstehen will, ist der Guide da, um zu sagen: „Laufe nicht über das Moos, berühre die Knochen nicht, versuche leise zu sein“. Nach und nach lernen wir, ein ausgewogeneres Verhältnis zur Natur zu entwickeln.

Was genau macht das Oceanographic Institut und was ist die Rolle von Fürst Albert dabei?

Fürst Albert I. gründete bereits im 19. Jahrhundert das Ozeanographische Institut, weil sich die Interessen von Fürst Albert I. während seines Lebens verändert haben. Am Anfang war er ein begeisterter Navigator. Ich glaube, seine Leidenschaft war die Navigation. Später hat er sich sehr für die Wissenschaft begeistert. Er hatte Austausch mit Wissenschaftlern, machte selbst einige wissenschaftliche Erfahrungen und lernte viel über den Ozean, entdeckte für sich das Gleichgewicht, die Nahrungskette und so weiter …

Das war damals recht ungewöhnlich, oder?

Auf jeden Fall. Als Wissenschaftler wurde er mit der Agassiz-Medaille ausgezeichnet, der wichtigsten Auszeichnung für Ozeanographie in den USA. Er hielt 1921 eine Rede (Anm.: „The Discours on the Ocean“ vor der National Academy of Sciences) und ich denke, das war die erste Rede, in der jemand deutlich erklärte, dass man sich Sorgen um die Ozeane machen sollte und dass, wenn sich die Menschheit nicht ändere, die neuen, technischen Errungenschaften für den Ozean ein wenig beunruhigend werden könnten.

„Fürst Albert I. war einer der ersten, der sich für eine nachhaltige Nutzung der Ozeane eingesetzt hat.”

Das war vor 100 Jahren, genauer gesagt vor 98 Jahren. Er war wirklich einer der ersten, der sich für eine nachhaltige Nutzung der Ozeane eingesetzt hat.

Der Fürst von Monaco ist in Monaco mächtig. Aber Monaco ist ein sehr kleiner Staat, so dass der Fürst von Monaco anderen Nationen nicht mit seiner Macht überzeugen kann. Er kann nur seine Überzeugungskraft nutzen. Fürst Albert I. gründete das Ozeanographische Institut und das Ozeanographische Museum, um das, was er entdeckt hatte, zu zeigen und die Menschen davon zu überzeugen, vorsichtig mit den Ozeanen umzugehen. Im 20. Jahrhundert tat Commandant Cousteau dasselbe, beispielsweise mit dem Odysseum der Calypso.

Robert Calcagno bei seinem Gastvortrag auf der Sea Spirit
Robert Calcagno bei seinem Gastvortrag auf der Sea Spirit

Aktuell nutzt Fürst Albert II. als souveräner Fürst von Monaco seine Möglichkeiten, sich mit vielen, vielen Menschen in anderen Staaten, mit den wichtigsten Entrepreneuren, den erfahrensten Wissenschaftlern auszutauschen und auf sie einzuwirken, aber auch mit der breiten Öffentlichkeit. Er ist eine berühmte Persönlichkeit und die Leute sind daran interessiert, was er tut.

Er kann versuchen, Bündnisse zu initiieren und Menschen miteinander zu verbinden, um sie davon zu überzeugen, eine nachhaltigere Lösung zu finden und vielleicht Mensch und Ozean wieder miteinander zu versöhnen. Das Ozeanographische Institut ist ein Instrument für Seine Hoheit Fürst Albert II. auf dieser Mission.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Eine der großen Herausforderungen ist die Schaffung von Meeresschutzgebieten. Fürst Albert II. ist auf der ganzen Welt unterwegs, um mit anderen Staaten zu diskutieren und zu versuchen, sie von der Schaffung von Meeresschutzgebieten zu überzeugen. Es gibt ein konkretes Beispiel, die Antarktis. Die Antarktis wird durch den Antarktisvertrag und ein spezielles Umweltprotokoll kontrolliert. Und es gibt eine spezielle Kommission namens CCAMLR (Anm.: Commission for the Conservation of Antarctic Marine Resources) mit Sitz in Hobart, um das Südpolarmeer zu verwaltet.

„Der Fürst reiste als Diplomat zu den Verantwortlichen und Regierungs-Chefs der Staaten, um ihnen zu erklären, wie wichtig das ist. ”

Die meisten Partnerstaaten dieses Vertrags waren bereit, ein sehr großes Meeresschutzgebiet um den antarktischen Kontinent herum zu schaffen, insbesondere in der Ross Sea. Aber es gab Widerstände aus China und Russland. Ich glaube nicht, dass die Gründe dafür strategischer Natur waren, aber die Regierungen waren wohl einfach vorsichtig. Der Fürst reiste als Diplomat zu den Verantwortlichen und Regierungs-Chefs der Staaten, um ihnen zu erklären, wie wichtig das ist. Vielleicht hat er sie überzeugt oder vielleicht war deren Ablehnung ihnen doch nicht so wichtig. Beim nächsten Treffen der CCAMLR haben Russland und China jedenfalls der Schaffung des Meeresschutzgebiets in der Ross Sea zugestimmt. Das ist ein Beispiel dafür, wie man durchaus mit gutem Zureden viel erreichen kann.

Prince Albert II. nutzt also gezielt seinen Einfluss, seinen Celebrity-Status, sein Ansehen in der Welt, um beim Schutz der Ozeane etwas zu bewegen …

Ja. Und das tut er, indem er die Bereitschaft der Menschen bündelt und indem er Vorschläge macht. Im Wissenschaftsbereich gibt es manchmal einige Probleme. Die Wissenschaft ist ein hart umkämpftes Feld. Wissenschaftler wollen neue Entdeckungen jeweils möglichst als erste veröffentlichen. Das ist ein guter Anreiz für Forschung.

Manchmal ist es aber weniger gut für die Ergebnisse, wenn die Wissenschaftler eigentlich gemeinsam daran arbeiten sollten, unser Wissen zu verbessern, um eine sicherere und eine gesündere Welt zu bekommen und dieses Wissen mit allen zu teilen. Der Fürst versucht, diese Grundhaltung zu stimulieren: zusammenarbeiten und Wissen bündeln.

Viele Menschen glauben, sie allein könnten nichts bewirken und seien machtlos. Sie kümmern sich daher nicht aktiv um Umweltschutz. Wie kann man als einzelner Mensch etwas bewirken?

Sie haben Recht. Ein Mensch allein kann nicht viel ausrichten. Aber was man dennoch tun kann, ist, zuerst bessere Regeln für sein eigenes Leben aufzustellen: vielleicht etwas mehr Genügsamkeit, ein etwas ruhigeres Leben, weniger Gier, sorgfältig mit Müll umzugehen, Plastik nicht überall hinwerfen und möglichst gar nicht oder so wenig wie möglich verwenden. Nur den richtigen Fisch aus nachhaltiger Fischerei zu essen. So kann man im Alltag viel tun.

Wenn wir das tun, werden wir vielleicht auch als Wähler und Steuerzahler aktiv und versuchen, den Bürgermeister, den Parlamentsabgeordneten, den Minister davon zu überzeugen, keine dummen Beschlüsse zu fassen – beispielsweise die Verwendung von Steuergeldern, um den Bau neuer und sehr industrieller Fischerboote oder den Kraftstoff zu subventionieren, den diese Art von Booten verwendet.

Das sind die beiden Punkte: Sich selbst fortbilden und im Alltag ein Vorbild sein und durch dieses vorbildliche Verhalten vielleicht auch andere Menschen und vor allem die Verantwortlichen in unserer Gesellschaft zu überzeugen.

Warum, glauben Sie, engagieren sich viele Menschen nicht intensiver beim Natur- und Umweltschutz?

Ich denke, nur Schritt für Schritt lässt sich da etwas verändern. Bis wir dort angekommen sind, verhalten sich die Menschen einfach ein wenig gierig. Sie wollen mehr Geld, sie wollen mehr erleben, sie wollen größere Autos, vielleicht wollen sie auch zwei oder drei Autos. Vielleicht ist ein Kühlschrank nicht genug und es ist bequemer, zwei Kühlschränke zu haben. Manchmal finden sie es gut, im Dezember Erdbeeren zu essen und kaufen Erdbeeren aus der südlichen Hemisphäre.

Robert Calcagno bei einer Schneewanderung in der Hamburgbukta, Spitzbergen
Robert Calcagno bei einer Schneewanderung in der Hamburgbukta, Spitzbergen

Ich denke, es ist eine Frage der bewussten Entscheidung. Es geht nicht darum, weniger glücklich zu sein, weniger Spaß zu haben. Ich glaube nicht, dass Umweltschutz und Nachhaltigkeit bedeuten, traurig zu sein, still zu sein und nicht zu feiern.

„Versuchen Sie, sich etwas vernünftiger zu verhalten und eine Balance zu finden.”

Sie können feiern, aber bitte, wenn Sie feiern, benutzen SIe keine Luftballons, in die Sie Helium pumpen und in den Himmel aufsteigen lassen. Letztlich landen die Ballons im Fluss, im Ozean und werden von Meeresschildkröten gefressen. Das zerstört ihr Verdauungssystem völlig und sie verhungern.

Versuchen Sie, sich etwas vernünftiger zu verhalten und eine Balance zu finden. Ich denke, das ist einfacher für die reichen Länder als für die Entwicklungsländer, denn wenn man um Essen und Überleben kämpfen muss, hat das oberste Priorität. Aber wir in den entwickelten Länder, wir sollten unseren Werten mehr Bedeutung beimessen als unserem Geld.

Anmerkung*: Cruisetricks.de fährt auf der Sea Spirit auf Einladung von Poseidon Expeditions.
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Cruisetricks.de fährt auf der Sea Spirit auf Einladung von Poseidon Expeditions.

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