Qassiarsuk-Fjord

„Verstehen, wie abhängig wir von diesem Ökosystem sind und wie sehr wir es beeinflussen können“

Gehören wir hier her? Haben Menschen etwas in der unberührten Natur Grönlands, in der Arktis, in der Antarktis verloren? Ein Seetag auf meiner Expeditionsreise mit der Fram ist eine gute Gelegenheit, sich zu dieser Frage auch hier im Blog Gedanken zu machen.

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Wir fliegen quer über Grönland, draußen ist es dunkel, am Horizont leuchten die letzten Reste des Sonnenuntergangs von Orange bis ins tiefe Blau. Darüber tanzen die ersten Nordlichter, neblig grün, mystisch. Wir sitzen im Flieger … haben wir hier wirklich etwas verloren? Oder sollten wir besser zu Hause bleiben? Einen Augenblick lang kommen mir in so wunderbaren Momenten Zweifel. Aber nur einen Augenblick lang.

Tatsächlich habe ich mir zu dieser Frage schon oft Gedanken gemacht. Ich habe mich mit vielen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten dazu unterhalten. Ich respektiere, wenn jemand der Überzeugung ist, dass Menschen die Natur und die Tiere dort vollkommen in Ruhe lassen sollten, dort wo die Natur noch unberührt ist.

Ich persönlich bin allerdings davon überzeugt, dass wir hier nicht nur ohne schlechtes Gewissen sein dürfen. Ich glaube sogar, dass wir hier sein sollten – aus mehreren Gründen, die ich in Folgenden kurz ausführen will.

Der Mensch ist nicht etwa als Eindringling von einem anderen Planeten auf die Erde gekommen, sondern ist Teil der Natur.

Diese Aussage birgt viel Zündstoff und ist nicht ganz unproblematisch. Betrachtet man sie radikal und legt den biblischen, vermeintlichen Freibrief „macht Euch die Erde untertan“ wörtlich aus, ist sie sogar falsch. Betonieren wir immer mehr Landschaft mit Straßen zu, ist das falsch. Verdrängen wir immer mehr Natur, Pflanzen, Tiere absichtlich, um uns noch weiter auszubreiten, ist das falsch. Aber die Lösung für das Problem der rasant wachsenden Bevölkerungszahl will ich hier einmal ausblenden, weil es nur sehr wenig mit Expeditionstourismus zu tun hat.

Für unsere Reise in die Arktis und Subarktis relevant ist in diesem Zusammenhang ein ganz anderer Aspekt: Wir sind hier nicht, um Land zu nehmen, zu zerstören, zu schädigen. Ganz im Gegenteil gehen wir auf Expeditions-Kreuzfahrtschiffen höchst respektvoll mit der Natur um, haben uns strikte Verhaltensregeln auferlegt, um keine oder nur minimalste Spuren zu hinterlassen.

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Das sind nicht nur freiwillige Verhaltensregeln und internationale Vereinbarungen der Reedereien und Reiseveranstalter. Vor allem auch sehr strenge Gesetze in vielen der Regionen schützen die Natur in diesen Regionen sehr effektiv.

Der Aufenthalt hier schärft unser Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutz, er verändert unser Verhalten.

Das führt direkt zu einem für mich noch wichtigeren Aspekt als dem durchaus egoistischen „wir haben ein natürliches Recht darauf, hier zu sein“: Wir lernen auf einer solchen Reise die fragile, von Klimawandel bedrohte Natur hautnah kennen und wir lernen, uns umweltbewusst zu verhalten, weil wir es vor Ort intensiv üben.

Der Mensch schützt, was er kennt. Er setzt sich für Dinge ein, von denen er aus eigener Erfahrung überzeugt ist.

Ich habe mich zu diesem Aspekt auch mit dem Expeditionsleiter Mario Acquarone auf der Fram unterhalten. Der erfahrene Meeresbiologe mit viel Forschungserfahrung unter anderem in der Arktis und Antarktis lebt in Tromsö, wo er vor seiner Arbeit für Hurtigruten als Dozent an der dortigen Universität tätig war. Er sagt:

Mario Acquarone , Expeditionsleiter auf der Fram
Mario Acquarone , Expeditionsleiter auf der Fram

„Wir sind hier, um Menschen innerlich reicher zu machen, ihnen zu helfen, die Welt und sich selbst besser zu verstehen. Speziell wir Europäer sehen da immer einen Widerspruch zwischen Menschen und Natur. Als Naturwissenschaftler betrachte ich das nicht als Widerspruch. Wir sind Teil des Ökosystems. Wir sind vielleicht ein gefährlicher Teil, eine Krankheit. Aber ich denke, wir sollten nicht fragen, ob unsere Anwesenheit hier gerechtfertigt ist oder nicht. Es geht vielmehr darum, auf welche Weise wir es tun.

Wenn wir mit dem Schiff hierher kommen, auf respektvolle Weise, beeinflusst das sehr wahrscheinlich, wie wir unsere Welt betrachten.

„Verstehen, wie abhängig wir von diesem Ökosystem sind und wie sehr wir es beeinflussen können.”

Intellektuell sind wir der Natur viel näher verbunden, wenn wir ihre Rauheit erfahren, die Gewalt von Wind und Wellen, wenn ein Gletscher kalbt, Tiere und Pflanzen erleben und ihr Verhalten beobachten. Nur so können wir erleben, was für kleine Geschöpfe wir auf dieser Erde sind im Verhältnis zur Macht der Natur.

Das ist, so denke ich, etwas sehr wichtiges. Zu verstehen, wie abhängig wir von diesem Ökosystem sind und wie sehr wir es beeinflussen können. Wir müssen uns viel stärker bewusst werden, wie wir leben. Und Du wirst eben große Probleme haben zu verstehen, wie beispielsweise Erdbeereis schmeckt, wenn Dir das nur jemand beschreibt und Du es nie selbst geschmeckt hast.“

Arktis-Reisen weiterhin kritisch hinterfragen

Trotz all dieser Argumente: Wir sollten solche Reisen immer kritisch hinterfragen und ehrlich prüfen, ob und wo wir Grenzen überschreiten, wo wir potenziell Schaden anrichten und wo wir uns beschränken müssen. Insbesondere in Hinblick auf die zahlreichen, neu geplanten Expeditions-Kreuzfahrtschiffe der kommenden Jahre müssen wir diese Fragen immer wieder neu stellen. Das ist eine Herausforderung, der wir uns verantwortungsvoll stellen müssen. Es ist aber kein automatisches Argument gegen die Expeditionskreuzfahrt.

Ja, wir dürfen hier sein, wir sollten sogar!

Unter all diesen Bedingungen haben wir, finde ich, als Menschen und damit Teil der Natur dieses Planeten, eine sinnvolle Berechtigung, hier zu sein. Um die Schönheit und Erhabenheit der Natur zu erleben und zu genießen. Um unser Bewusstsein dafür zu schärfen, wie wichtig Klimaschutz ist, weil wir die Auswirkungen in Grönland ganz hautnah und direkt spüren können. Um unser Verhalten im Alltag zu verändern, weil wir einsehen, wie wichtig das ist.

Und wir kehren von einer solchen Reise als Botschafter für sorgsamen Umgang mit Natur und Umwelt zurück. Wir können viele andere überzeugen, die nicht das Privileg haben, sich diese erhabene Natur selbst vor Ort anzusehen und die Folgen unserer exzessiven Nutzung von Umwelt-Ressourcen direkt zu erleben und zu spüren.

Ich bin auf Eure Meinungen zu diesem Thema gespannt und freue mich auf eine sachliche Diskussion.

Anmerkung*: Cruisetricks.de reist auf Einladung von Hurtigruten.

2 Kommentare zu “„Verstehen, wie abhängig wir von diesem Ökosystem sind und wie sehr wir es beeinflussen können“

  1. Ich bin selbst auf der “ World Discoverer“ 5x in der Antarktis gewesen,vor 30 Jahren! Wir waen damals 2 Schiffe welche die Erlaubnis hatten, in der Antaktis anzulanden. Beide Schiffe waren für heutige Verhältnisse winzig. Die Discoverer mit 5000 BRT und das Schwesterschiff „Lindblad Explorer“war fast baugleich. Es war och ein russisches Schiff unterwegs das auch ca.
    unsere Größe hatte. Damals hies es dass die Reedereien sich an den Antarktis Vertrag halten müßten.
    Heute werden Reisen in die Antarktis angeboten von Schiffen wie “ Cebrity Eclipse“ mit 122.00 BRT ! Die fasst ca. 3500 Pax und im Programm steht dass sie auch in die Paradise Bay fährt . Diese Bay ist für mich eine der schönsteen Gegenden der Welt. Ich frage mich wie ein Schiff dieser Größe die Passagiere in Zodiacs austendern will. Die große Anzahl von Passagieren welche die Forschungsstation besuchen will, verhindert doch einen geregelten Zeitablauf. Alle Personen hinterlassen Abfall,Es ist für mich unverständlichdass man im Hinblick auf Luftverschmutzung und Tierschutz solche Kolosse in die Antarktis rein lässt.

  2. Die grossen Schiffe machen „cruise only“, also nur schauen, keine Anlandungen. Und sie müssen die strengen Auflagen bzgl. Treibstoff erfüllen, sprich: es darf keinerlei Schweröl in dem Tanks an Bord sein. Insofern ist das kein wirkliches Problem.

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